Einblicke: Im Standortauswahlgesetz ist der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) aufgegeben, eine „lernende Organisation“ zu werden. Der Bereich Standortauswahl der BGE hat mit Ihrer Unterstützung damit begonnen, diese Anforderung in Form eines integrierten Sicherheitsmangementsystems umzusetzen. Was bedeutet das?
Prof. Dr. Sträter: Diese Anforderung wird oft etwas missverstanden. Es wird angenommen, dass ein klassisches Sicherheitsmanagement mit starren Regeln ausreichend wäre. Die Erwartung, dass ein starres, prozessorientiertes Vorgehen Sicherheit schafft, stimmt mit der Realität oft nicht überein. Wir haben in der Standortauswahl nun die Möglichkeit, ein moderneres und in die BGE als Ganzes integriertes Sicherheitsmanagement aufzubauen. Das ist das Reizvolle an der ganzen Sache.
Einblicke: Was macht das Verfahren modern?
Prof. Dr. Sträter: Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass Sicherheit eigentlich ein negatives Produkt ist. Wir wissen, was wir nicht wollen. Wir wollen keine unangenehmen Überraschungen und keine schwerwiegenden Ereignisse. Aber wie man das erreicht, ist eigentlich unklar. Das lässt sich auch nicht durch starre Systeme überwinden. Man muss mit dieser Unbestimmtheit leben. Dieses „Leben“ ist das entscheidende. Dass man frühzeitig erkennt, wo die Probleme liegen, dass man sie auch frühzeitig identifiziert, kommunizieren kann und darf und sich dann als Organisation überlegt, was man damit macht. Das ist das wesentliche Element eines modernen Sicherheitsmanagements, dass es die Probleme frühzeitig entdeckt. Das frühzeitige Entdecken basiert auf der Kompetenz und den Möglichkeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, solche Schwachpunkte oder kritische Prozesse zu erkennen und anzusprechen. Dazu gehört neben der Qualifikation der Belegschaft auch eine Fehlerkultur, die es erlaubt, diese Punkte in die Organisation hineinzutragen, und dass die Organisation dann entsprechend darauf reagiert.
Einblicke: Das heißt: Kompetente und mutige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und eine Organisation, die das zulässt?
Prof. Dr. Sträter: Ein modernes Sicherheitsmanagement fußt auf psychologischen Grundsätzen der Kommunikation, der Offenheit, der Flexibilität – als Schlagwort wird oft die „agile Organisation“ genannt. Darüber hinaus braucht es aber auch klare Verantwortlichkeiten und klare Vorgehensweisen, wie man mit Problemen umgeht. Da ist eine gewisse Formalität dann wieder nötig. Aber es braucht beides.
Einblicke: Die Organisation muss also einen sicheren, verlässlichen und klaren Rahmen bieten, damit die schon angesprochenen kompetenten Belegschaften die richtigen Entscheidungen treffen können. Oder?
Prof. Dr. Sträter: Es braucht Klarheit über die Szenarien, die möglichen Problemlösungen, auch darüber wo die eigene Verantwortlichkeit endet und die der nächsten Vorgesetzten oder der Gesamtorganisation beginnt. Das sollte festgelegt sein. Aber es braucht eben Flexibilität, um auch darüberhinausgehende Beobachtungen nicht wegzuschieben oder besondere Randbedingungen zu erkennen und zu kommunizieren. Am besten geht das miteinander. Wenn jemand merkt, dass er ein Problem in seinem Verantwortungsbereich nicht mehr lösen kann (oder ein Problem in einem anderen Verantwortungsbereich erkennt), dann muss diese Person das Vertrauen haben, ohne ein schlechtes Bild abzugeben, zu sagen: Hier haben wir Probleme. Die müssen wir als Organisation angehen. Dafür braucht es Mechanismen, die das Zusammenspiel zwischen den unterschiedlichen Teilen einer Organisation vernünftig austarieren.
Einblicke: Es braucht also sowohl eine Auswertung von Ereignissen oder Beinahe-Ereignissen auf einer durchaus formalen Ebene und zudem eine Unternehmenskultur, die Offenheit und das Ansprechen von Problemen zulässt?
Prof. Dr. Sträter: Genau. Das sind zwei wesentliche Elemente. Das Lernen aus Erfahrung, also die genaue Auswertung von Ereignissen, aber auch von Erfolgen, gehört auf jeden Fall dazu. Wir gucken nicht nur auf die Probleme, sondern auch auf die Ereignisse, die sehr gut gelaufen sind. In einer offenen Organisationskultur lassen sich dann Dinge ansprechen, die schwieriger sind. Für den operativen Bereich gibt es Elemente, die sehr streng geregelt bleiben müssen. Unter Tage ist das essenziell, um die Sicherheit zu gewährleisten.