Einblicke: Nochmal zu den Versprechungen der Atomkraft: Sind Kleinreaktoren, die sogenannten Small Modular Reactors (SMR), an denen weltweit geforscht wird, eine wegweisende Zukunftstechnologie? Sie sollen in der Fabrik vorgefertigt, tausendfach im Land aufgestellt und zum Schutz des Klimas genutzt werden können. Sogar der hochradioaktive Atommüll soll in SMR wiederverwertet werden können.
Wolfgang Ehmke: Das heißt tausendfach Proliferationsgefahren. Aktuell zeigt sich in den USA, dass die teuren Mini-AKW, die im Übrigen gar nicht so klein sind, auf einem nicht-subventionierten Energiemarkt keine Chancen haben. In Idaho sollte der erste SMR entstehen. Nun wurde das Projekt abgebrochen. Das Institute for Energy Economics and Financial Analysis hatte als Zielpreis für den Atomstrom aus SMR Mitte 2021 noch 5,8 Cent pro Kilowattstunde genannt. Er ist mittlerweile auf 8,9 Cent pro Kilowattstunde gestiegen und ein Ende ist nicht in Sicht. Grund sind vor allem die geschätzten Baukosten, die um 75 Prozent gestiegen sind.
In den USA schrumpft der AKW-Bestand, obwohl Präsident Joe Biden fünf Milliarden Euro für die Modernisierung der Altmeiler versprochen hat. Am Reaktorblock Vogtle, Georgia, der dieses Jahr in Betrieb gegangen ist, wurde zehn Jahre gebaut. Die Kosten für zwei Meiler sind von 14 auf 30 Milliarden Euro gestiegen. Auch die Dauerbaustellen in Frankreich, Flamanville, und Großbritannien, Hinkley Point C, werden immer teurer; ihre Inbetriebnahme verzögert sich ein ums andere Mal. Hinkley Point C soll eine Einspeisevergütung von 11 Cent pro Kilowattstunde Strom und zusätzlich einen fest zugesagten Inflationsausgleich erhalten. Zum Vergleich: Strom aus Wind- und Solarkraftwerken gibt es in Deutschland heute schon ab 3 oder 4 Cent pro Kilowattstunde.
Einblicke: Wenn es mit dem Recyceln des Atommülls doch nicht funktioniert, wie geht es dann weiter? Der Zeitplan wurde gerade geändert. Es könnte bis 2068 dauern, bis der Strandort für ein Endlager gefunden ist, der Bau und die Inbetriebnahme könnten dann bis ins nächste Jahrhundert hinein dauern. Derweil wird in Gorleben zurückgebaut, das begleiten Sie eher mit gemischten Gefühlen, oder?
Wolfgang Ehmke: Auf der einen Seite ist da eine große Genugtuung, wenn das Salz in Gorleben wieder unter die Erde kommt, die ersten Vorarbeiten laufen bereits und 2024 geht es richtig los – auf buchstäblich der anderen Seite aber stehen die 16 Zwischenlager …
Einblicke: … bei denen die Standort-Kommunen in Deutschland befürchten, dass sie auf Grund des langen Zeithorizonts schleichend zu Endlagern werden. Manche fordern einen finanziellen Ausgleich für das Risiko, das sie tragen müssten. Ist diese Befürchtung und ist diese Forderung berechtigt?
Wolfgang Ehmke: Da bin ich für klare Begriffe: Wir sprechen von Langzeitlagern. Wer davon sagt, dass die Zwischenlager schleichend zu Endlagern werden, verwirrt die Leute, denn die radioaktiven Abfälle müssen am Ende tief unten in der Erde gelagert werden. Und mehr Geld für die Standortgemeinden löst die Probleme nicht. Die Problematik ist: Weil die Endlagersuche deutlich länger dauert, als im Standortauswahlgesetz angenommen, stellt sich die Frage nach der Sicherheit der Castorbehälter, die ursprünglich für rund 40 Jahre oberirdisch gelagert werden sollten – und nicht 100 Jahre lang, wie es jetzt wahrscheinlicher geworden ist.
Und wie diese Anlagen gegen einen gezielten Flugzeugabsturz, Drohnen oder Angriffe von außen gesichert werden können, ist für unsere Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg ein großes Thema. Wolfram König, der Präsident des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), verweist zu Recht darauf, dass diese Lagerhallen mit ihrem unvorstellbar großen nuklearen Inventar nicht gegen Kriegseinwirkungen ausgelegt sind. Auch neue Bedrohungsszenarien wie Hyperschallraketen müssen eine Rolle spielen, wenn es um Neugenehmigungen geht. Für den Betrieb der Zwischenlager in Gorleben und Ahaus laufen die Genehmigungen schon mit Beginn der 30er Jahre aus.