Einblicke: Großprojekte dauern überall in der Welt meist länger als geplant. Woran liegt das?
Martin Korte: An der Planung. Damit Großprojekte im Kosten- und Zeitbudget bleiben, braucht es eine möglichst genaue Planung, die mögliche Risiken nicht unterschlägt. Auch wenn das ein paar Monate länger dauern sollte als gedacht: Das ist gut investierte Zeit. Wenn endlich realistische und umfassende Pläne stehen, heißt es, sofort loszulegen und das Projekt schnell umzusetzen. Ich nenne das den „Pixar“-Effekt, nach dem US-amerikanischen Filmstudio, bekannt etwa für „Findet Nemo“ oder „Toy Story“. Für neue Projekte bekommen die Filmplaner bei „Pixar“ so viel Vorbereitungszeit, wie sie wollen. Sobald der Daumen für den Plan dann hochgeht, wird sofort losgelegt. Denn die meisten Kosten fallen nicht in der Planungsphase an, sondern entstehen dann, wenn sich die Umsetzung verzögert.
Einblicke: Sie haben sich auch mit dem Endlager Konrad beschäftigt. Wie bewerten Sie die Situation?
Martin Korte: Großprojekte dauern länger, wenn nicht alle an einem Strang ziehen. Solch ein Nebeneinander und sogar Gegeneinander findet sich häufig, weil bei Großprojekten ja Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von unterschiedlichen Unternehmen und Organisationen zusammenarbeiten sollen. Diese Menschen fühlen sich in erster Linie ihrem Arbeitgeber verpflichtet und erst in zweiter Linie dem Projekt. Gegen diese Priorisierung lässt sich durchaus etwas tun. Als in London das Terminal 5 am Flughafen Heathrow geplant wurde, bekamen alle Beteiligten – egal, wen sie vertraten – ein T-Shirt übergestreift, auf dem stand: „Wir bauen Terminal 5.“ So wurde kommuniziert: Am wichtigsten ist das Projekt!
Das lässt sich leider kaum übertragen auf das Endlager Konrad. Hier sind die Interessen von Politik, Bürokratie und der Bevölkerung zu unterschiedlich – und das selbst innerhalb dieser verschiedenen Gruppen. Sie alle verfolgen zwar dasselbe Ziel: die höchstmögliche Sicherheit bei der Endlagerung der radioaktiven Abfälle. Aber wie diese „höchstmögliche Sicherheit“ aussehen soll, darüber lässt sich schwerlich Einigkeit herstellen.
Einblicke: Und dann verzögert sich alles und wird auch noch teurer.
Martin Korte: Am Ende einer guten Planung lässt sich der Kostenrahmen auch bei Großprojekten recht gut einschätzen. Zur Sicherheit werden noch zehn Prozent als Puffer draufgeschlagen, dann passt das. Bei privatwirtschaftlichen Projekten wird das auch so gemacht. Bei politisch geprägten Projekten hingegen werden Zeit und Kosten eher optimistisch gerechnet, auch um eine möglichst hohe Akzeptanz in der Bevölkerung zu erreichen.
Einblicke: Die Öffentlichkeit wird also getäuscht, was Kosten- und Zeitbudgets angeht?
Martin Korte: So weit würde ich nicht gehen. Die Projektverantwortlichen sind ja wirklich überzeugt, mit realistischen Budgets zu arbeiten. „Wir kriegen das hin“ ist ihre Selbsteinschätzung. Aus diversen neurowissenschaftlichen Untersuchungen wissen wir, dass Menschen generell dazu neigen, die für eine bestimmte Aufgabe benötigte Zeit deutlich zu unterschätzen.
Wir haben in unseren Hirnen einen biologisch verankerten Optimismus einprogrammiert, der dadurch bedingt ist, dass wir viele mögliche Probleme gar nicht erst durchdenken – weil sie uns nie in den Sinn kommen. So stolpern wir Menschen in Wahrnehmungsfallen.
Um ein Beispiel zu geben: Risiken, mit denen wir bereits konfrontiert wurden, haben wir auf dem Schirm – und erwarten, dass sich diese Risiken beim Großprojekt zeigen könnten. Wir sind also vorbereitet. Aber Risiken, die für unsere Ohren höchst abstrakt klingen, werden eher ignoriert oder als unwahrscheinlich abgetan. Wir nehmen wahr, was wir wahrnehmen wollen – und liegen damit häufig falsch. Da sind wir nicht besser als Truthähne.