Carsten Schneider

„Das Verfahren lebt am Ende von Akzeptanz“

18. März 2026: Für Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) ist klar: Ein funktionierender Staat schafft Vertrauen und ist das beste Mittel gegen Radikalisierung. Er spricht auch über die Beschleunigung der Endlagersuche.

Einblicke: In dieser Ausgabe des Einblicke-Magazins geht es um das immer wieder neu debattierte Verhältnis von uns, den Bürgerinnen und Bürgern, zu unserem Staat. Was ist Ihre Wahrnehmung – wie steht es aktuell um diese Beziehung?

Carsten Schneider: Jede Bürgerin und jeder Bürger hat zu Recht einen Anspruch auf einen funktionierenden Staat. Andererseits ist auch jede und jeder Einzelne dazu aufgerufen, einen Teil zu diesem Funktionieren beizutragen. Und mein Eindruck ist: Ein funktionierender Staat ist das beste Mittel gegen Radikalisierung. Das gilt besonders für die Daseinsvorsorge vor Ort oder den öffentlichen Nahverkehr.

Einblicke: Und welche Rolle hat darin der Umweltschutz?

Carsten Schneider: Die meisten Menschen lieben unsere Natur. Und gerade im Osten können sich auch noch viele daran erinnern, wie sie vor 40 Jahren aussah: Damals gab es stinkende Schaumkronen auf der Saale; heute jedoch kann man in ihr schwimmen. Da ist uns gemeinsam schon viel gelungen. Ich will, dass wir auf diese positive Erfahrung aufbauen für die Zukunft. Denn Umweltschutz ist gerade in diesen geopolitisch konfliktreichen Zeiten wichtiger denn je. Er trägt zu unserem Wohlstand bei, sorgt für Abertausende von Jobs in unserem Land und macht uns geopolitisch unabhängiger. Wer Rohstoffe recyceln kann und heimische erneuerbare Energien hat, ist klar im Vorteil.

Einblicke: Würde man Ihr Ministerium unter ein zentrales Schlagwort stellen, könnte das „Schutz“ sein. Was bedeutet der Schutzauftrag für Sie persönlich?

Carsten Schneider: Vor allem schützen wir uns selbst – unsere Kinder, unsere Gesundheit, unsere Lebensgrundlagen. Wir alle wünschen uns saubere Luft zum Atmen, sauberes Wasser zum Trinken. Ein Ausflug in eine intakte Natur gibt uns Kraft und Zuversicht. In den vergangenen Jahrzehnten hat der Umweltschutz unser Leben enorm verbessert. Doch noch immer stehen wir vor gewaltigen Herausforderungen wie dem Klimawandel oder Artensterben.

Einblicke: Sie sind Bundespolitiker, aber auch Bürger und Vater. Wenn Sie an die Zukunft Ihrer Kinder denken: Wie kann Politik als Generationenprojekt gelingen?

Carsten Schneider: Bei einem Generationenprojekt zählen Verlässlichkeit und Tempo. Dazu kommt: Polarisierung hilft nicht, sondern schadet. Darum versuche ich, das wichtige Thema Klimaschutz wieder aus der Polarisierung zu holen. Eigentlich sind wir uns doch alle darin einig, dass auch unsere Enkelkinder noch Winter mit Schnee erleben sollten. Auch bei den Hinterlassenschaften des Atomzeitalters können wir uns darauf einigen, dass es nicht sein kann, dass unsere Urenkelkinder unseren gefährlichen Müll wegräumen müssen. Manche tun so, als ließe sich das Atommüllproblem durch angebliche Wunderreaktoren irgendwann in Luft auflösen. Das belastet die öffentliche Akzeptanz, ist auch nicht mehr als alter Wein in neuen Schläuchen und setzt die gemeinsam gewollte Endlagersuche aufs Spiel. Die Wahrheit ist: An einem Endlager führt leider kein Weg vorbei.

Zur Person

Carsten Schneider (SPD) ist seit Mai 2025 Bundesminister für Umwelt, Klima, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Im Gespräch mit Einblicke betont er, dass Umweltschutz Wohlstand sichert und Zukunft für kommende Generationen schafft. Schneider spricht auch über die Beschleunigung der Endlagersuche, die Bedeutung echter Beteiligung und darüber, warum er nichts von sogenannten Wunderreaktoren hält.

Eine Frage der Zeit

„Wir müssen die Endlagersuche deutlich beschleunigen.“

Carsten Schneider

Einblicke: Die BGE veröffentlicht jedes Jahr neue Arbeitsstände und will in zwei Jahren mit ihren Analysen für die Phase I fertig sein. Fachleute sehen die Gefahr von großen Verzögerungen für die anschließenden Phasen. Wie möchten Sie den weiteren zeitlichen Ablauf gestalten?

Carsten Schneider: Wir müssen die Endlagersuche deutlich beschleunigen. Ansonsten läuft ein an sich sehr gutes Verfahren Gefahr, an seiner Dauer zu scheitern. Das darf nicht passieren. Eine Standortentscheidung erst um das Jahr 2070 wäre weder nachvollziehbar noch kann irgendjemand ernsthaft erwarten, dass Betroffene dem Verfahren so lange Rückhalt geben. In diesem Jahr will ich dafür einen Gesetzesentwurf vorlegen.

Einblicke: Wie gelingt eine Beschleunigung des Standortauswahlverfahrens ohne Abstriche bei der Sicherheit?

Carsten Schneider: Das größte Beschleunigungspotenzial besteht darin, auf neue Erkundungsbergwerke möglichst zu verzichten. Es spricht fachlich viel dafür, dass sich eine wissenschaftlich solide und eindeutige Entscheidung für den bestmöglichen Standort treffen lässt, indem moderne Erkundungsmethoden ohne Bergwerke genutzt werden. Damit lässt sich viel Zeit gewinnen, ohne an der Qualität des Ergebnisses zu kratzen.

Öffentlichkeitsbeteiligung und Naturschutz

Einblicke: Die Beteiligung der Öffentlichkeit ist ein wichtiger Bestandteil des Verfahrens. Die Beteiligung macht die Endlagersuche aber auch zu einem zeitintensiven Verfahren. In welchem Verhältnis steht die Partizipation zur Beschleunigung – eher als Hindernis oder eher als Unterstützung?

Carsten Schneider: Das Verfahren lebt am Ende von Akzeptanz – Beteiligung ist hierfür Voraussetzung. Aber ja, Beteiligung kostet auch Zeit und darf keine Alibiveranstaltung sein. Bis jetzt haben alle Beteiligten bewiesen, dass sie Partizipation ernst nehmen, etwa durch Transparenz oder ein zusätzliches Beteiligungsformat in der aktuellen Phase. Die große Bewährungsprobe kommt in der nächsten Phase. Dann gibt es nur noch wenige konkrete Regionen. In jeder wird es umfassende Beteiligung mit finanzieller Unterstützung des Bundes geben. Viele Menschen werden sich dort zum ersten Mal mit dem Verfahren auseinandersetzen. Unsere Aufgabe ist es, ihnen zu ermöglichen, sich schnell auf Augenhöhe zu engagieren und zu ihrem Recht zu kommen.

Einblicke: Losgelöst von der Endlagerfrage: Wie stehen Sie zur Forderung, Genehmigungsverfahren drastisch zu beschleunigen – im Zweifel auch zulasten von Naturschutzbelangen oder zulasten der Öffentlichkeitsbeteiligung? Was hat für Sie Priorität? Wie wägen Sie die Werte gegeneinander ab?

Carsten Schneider: Ich teile dieses Entweder-oder aus der Fragestellung nicht. Wichtige Infrastrukturvorhaben zu beschleunigen, ist auch mir und dem Bundesumweltministerium ein wichtiges Anliegen. Wir prüfen bei unseren Vorhaben immer, wie wir Verfahren vereinfachen, beschleunigen und modernisieren und zugleich den eigentlichen Schutzstandard wahren können. Manche, die nach Beschleunigung rufen, wollen allerdings in Wahrheit den Umweltschutz zurückdrängen. Das kommt für uns nicht infrage.

„Beteiligung kostet auch Zeit und darf keine Alibiveranstaltung sein.“

Carsten Schneider