Sophie Kuppler

Es geht nur gemeinsam

19. März 2026: Infrastruktur ist eine essenzielle Grundlage unseres täglichen Lebens – und doch nehmen wir sie meist erst wahr, wenn sie nicht mehr funktioniert, meint Sophie Kuppler vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse.

Wir erwarten als Bürgerinnen und Bürger vom Staat eine funktionierende Energie-, Verkehrs-, Wasser- und Entsorgungsinfrastruktur. Sie ermöglichen uns ein sicheres und gesundes Leben. So hängen einige grundlegende gesellschaftliche Errungenschaften historisch eng mit neuer Infrastruktur zusammen: Der Eisenbahnausbau brachte einheitliche Zeitzonen hervor. Zentrale Wasser- und Abwassersysteme waren Grundpfeiler moderner Hygiene. Zugleich gelten diese Anlagen selten als ästhetisch oder als etwas, mit dem wir uns gerne im Alltag befassen. Sie bleiben größtenteils unsichtbar. Trotzdem benötigen sie kontinuierliche Wartung, Sorge und Pflege – Aufgaben, die überwiegend staatlichen Institutionen obliegen.

Sobald jedoch größere Erneuerungen anstehen oder neue Anlagen entstehen sollen, drängen diese „unsichtbaren“ Systeme in die Lebenswelt der Menschen: Baulärm, Umleitungen oder Eingriffe in das gewohnte Wohnumfeld sind unmittelbar erfahrbar. Je konkreter ein Projekt wird, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es Personen gibt, die dagegen sind. In klassischen Planungs- und Genehmigungsverfahren werden Betroffene gegebenenfalls entschädigt. Interessenkonflikte sollen so befriedet werden.

Doch meistens sind die Konfliktursachen komplexer. Neue Infrastruktur verändert Routinen, Landschaften und mitunter das Gefühl von Heimat. Sie berührt Fragen sozialer Gerechtigkeit und trifft auf unterschiedliche Vorstellungen davon, wie eine lebenswerte Zukunft aussehen soll. Sie erzeugt Emotionen, erfordert Vertrauen und stellt implizit die Frage, wie politische Entscheidungen getroffen werden sollten. Klassische Planfeststellungsverfahren bieten keinen Raum für den Umgang mit diesen komplexen Hintergründen und den damit verbundenen Gefühlen.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, setzen staatliche Akteure zunehmend auf frühe Formen der Öffentlichkeitsbeteiligung. Ein prominentes Beispiel ist die Standortsuche für das Endlager für hochradioaktive Abfälle. Frühere Entscheidungen wurden als intransparent wahrgenommen. Das öffentliche Vertrauen in die Lösungskompetenz des Staates in dieser Frage ist massiv beschädigt worden. Deshalb hat das Parlament ein neues wissenschaftliches Verfahren etabliert, das partizipativ und transparent gestaltet sein soll. Dafür wurden zahlreiche neue Beteiligungsformate geschaffen mit dem Ziel, Diskussionen zu ermöglichen und Entscheidungen nachvollziehbar zu machen. Es wird angestrebt, eine gemeinsam getragene Lösung für die Entsorgungsfrage zu finden. Die Verantwortung für die langfristig sichere Verwahrung der Abfälle trägt der Staat. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass eine umsetzbare Lösung nur dann gefunden werden kann, wenn Bürger*innen Mitverantwortung tragen dürfen und diese Herausforderung auch annehmen. 

Zur Person

Sophie Kuppler ist Forschungsgruppenleiterin am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse am KIT, dem Karlsruher Institut für Technologie. Sie forscht und publiziert zu den Themenfeldern nukleare Entsorgung, Technikkonflikte und Langzeit-Governance.

Gesellschaftliches Realexperiment

Eine einfache Antwort gibt es nicht.

Die Frage bleibt: Wie können wir gemeinsam Sorge tragen für unsere Infrastruktur, sie schaffen und erhalten, sodass sie uns langfristig ein gutes Leben ermöglicht? Eine einfache Antwort gibt es nicht. Doch vielleicht ist hier der sprichwörtliche Weg das Ziel: Infrastrukturentwicklung ist kein technisches Managementprojekt, sondern ein gesellschaftliches Realexperiment, in dem Staat und Bürgerschaft gemeinsam Verantwortung tragen. 

Wenn alte Infrastrukturen umgebaut werden und neue entstehen, müssen Erwartungen, Werte und Interessen offen diskutiert werden. Das erfordert Transparenz, die Offenheit, sich konstruktiv in Konflikte zu begeben, und die Bereitschaft, Infrastrukturprojekte als gesamtgesellschaftliche Aufgabe anzunehmen. In diesem Sinne sind sie nicht nur bauliche Maßnahmen, sondern Lernräume – für den Staat mit seinen Institutionen und für jede Bürgerin und jeden Bürger.