Die Waddekather sind sensibel, was Planungen von oben für ihr Dorf betrifft. Zur DDR-Zeit waren es vom Ortsrand gerade mal ein paar Hundert Meter bis zur Grenze nach Westdeutschland. Besucher brauchten darum spezielle Passierscheine, sie mussten sich monatelang vorher anmelden. Neuzuzüge wurden nicht erlaubt, die Einwohnerzahl schrumpfte, Häuser verfielen. „Die Regierung wollte damals das ganze Dorf am liebsten verschwinden lassen“, erinnert sich Hella Siewert, die vor 80 Jahren in Waddekath geboren wurde und immer geblieben ist.
Nach der Grenzöffnung, als auch die alten Verbindungen in die benachbarten niedersächsischen Orte wiederhergestellt waren, berappelte sich das Dorf. Ab Anfang der 1990er kehrten ehemalige Einwohner zurück, Kinder wurden geboren, es ging bergauf.
Allerdings folgte schon im Jahr 1995 der nächste Schlag: Aufgrund einer Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) war Waddekath, zusammen mit ein paar anderen Namen, plötzlich doch wieder im Gespräch als Ort für ein potenzielles Atommüllendlager. Die Studie war von der damaligen Bundesumweltministerin Angela Merkel in Auftrag gegeben worden, für den Fall, dass sich der 60 Kilometer entfernte Salzstock Gorleben doch als ungeeignet erweisen sollte. Als Merkel die Studie vorstellte, war das für die Waddekather ein Schock. Sie gründeten eine Bürgerinitiative, demonstrierten an der Durchgangsstraße. Merkel indessen beteuerte gemäß der damaligen Beschlusslage, Gorleben bleibe erste Wahl. Und so kehrte in Waddekath allmählich wieder Ruhe ein – vorerst.
Über 20 Jahre später kommen wieder Gerüchte auf, und sie wirken wie Salz in alten Wunden. „Wir sind da gleich hellhörig geworden“, sagt die Ur-Waddekatherin Siewert. Es begann damit, dass im Juni 2019 ein Team des MDR ins Dorf kam, um einen Fernsehbeitrag darüber zu drehen, dass Waddekath als Standort für ein Atommüllendlager in Betracht komme. Dem vorangegangen war ein Informationsabend in der sachsen-anhaltinischen Landeshauptstadt Magdeburg zum Ablauf bei der Endlagersuche. Im Dorf fühlte man sich überrumpelt. „Das war für uns ein Weckruf, dass wir da was tun müssen“, sagt Fritz Kloß, seit 30 Jahren Bürgermeister der Gemeinde Flecken Diesdorf, zu der Waddekath gehört. Er kritisiert, dass er vorab überhaupt nicht darüber informiert worden sei, dass sein Ort unter die Lupe genommen wird.