Doch der formierte sich schon bald. Und er war massiv. Die Anti-Atomkraft-Bewegung gewann nach Albrechts Ankündigung an Wucht. Ende März 1979 machten sich viele Kritiker*innen mit Traktoren vom Wendland auf den Weg nach Hannover. Vor rund 100.000 Demonstrant*innen rief ein Landwirt dem Ministerpräsidenten entgegen: „Mein lieber Herr Albrecht, wir wollen deinen Schiet nicht haben.“ Im Herbst desselben Jahres versammelten sich noch einmal so viele in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Es waren die bis dahin größten Anti-Atom-Demonstrationen der Republik. Im Frühjahr 1980 strömten schließlich mehrere Tausend Menschen in den Gorlebener Forst, besetzten das Gelände der „Tiefbohrstelle 1004“ und riefen dort die legendäre Freie Republik Wendland aus.
Heute, vier Jahrzehnte später, ist Gorleben ein Begriff für die gescheiterte Suche nach einem Endlager, das es bis heute für den hoch radioaktiven Atommüll nicht gibt. Hier nicht und auch sonst nirgendwo in Deutschland. Der Abfall lagert weiterhin in oberirdischen Zwischenlagern.
Gescheitert ist das Projekt aus zwei Gründen. Erstens gab es nach der Verkündung des Standortes durch den damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht immer Zweifel an der wissenschaftlichen Begründung desselben. Zweitens war zuvor niemand gefragt worden. Die Politik hatte, blauäugigerweise wohl, vollendete Tatsachen geschaffen. Seither symbolisieren Bilder von angeketteten Demonstrant*innen und blockierten Castortransporten das Versagen des Staates und erschweren den Dialog bis in die Gegenwart. Es war wirklich viel schiefgelaufen.
Doch stets war klar: Von selbst löst sich das Problem nicht. Solange deutsche Atomkraftwerke Strom erzeugen, würden sich die Hallen der Zwischenlager füllen. Doch sollte es noch einmal viele Jahre dauern, bis – vor allem im Lichte der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Frühjahr 2011 – endlich parteiübergreifend klar wurde, dass die Suche nach dem Endlagerstandort vollkommen neu beginnen musste. 2013 machten Bundestag und Bundesrat für diesen Neustart den Weg frei. Dabei gilt das Prinzip der „weißen Landkarte“: Alle Orte im Land sollten gleichberechtigt neu beurteilt werden, weshalb auch der umstrittene Salzstock Gorleben nicht ausgeschlossen wurde.
Vor allem sollte aus den beiden Kardinalfehlern von Gorleben eine Lehre gezogen werden. Erstens hatte die neuerliche Suche nach wissenschaftlichen Kriterien zu erfolgen. Zweitens setzten die Akteure jetzt endlich auf größtmögliche Transparenz – und legten die umfassende Beteiligung der Öffentlichkeit in die Hände des 2014 gegründeten Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, kurz: BASE.
Es gibt sogar – und das gab es in Deutschland bisher bei keinem Großprojekt – ein „Nationales Begleitgremium“, ein, wie es auf seiner Website heißt, „unabhängiges, pluralistisch zusammengesetztes gesellschaftliches Gremium“, in dem sich alle Menschen repräsentiert sehen sollen. Die 18 Frauen und Männer begleiten den gesamten Prozess und achten als Vermittler*innen darauf, dass die Bürgerbeteiligung nicht zu kurz kommt.
Die wissenschaftlichen Standards für die Suche nach dem Endlager stehen im 2017 überarbeiteten Standortauswahlgesetz. Ziel ist der Ausschluss ungeeigneter und die Ermittlung geeigneter Standorte durch die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Verfahren wie die dauerhafte Lagerung an der Erdoberfläche, die Entsorgung der Abfälle im Meer, arktischen Eis oder sogar im Weltall waren zuvor geprüft und verworfen worden. Das atomare Endlager muss, da sind sich die Expert*innen einig, unterirdisch angelegt werden – und zwar in Salz-, Ton- oder kristallinen Wirtsgesteinen. Diese Gesteine müssen jeweils Formationen bilden, die mindestens 300 Meter unter der Geländeoberfläche liegen, mindestens 100 Meter mächtig sowie hitzebeständig und wasserdicht sind.
Die Festlegung auf diese drei Wirtsgesteine ergibt sich allein aus ihrer potenziellen Eignung als Endlager. Steinsalzlagerstätten etwa sind im Idealfall besonders standfest, sodass sich auch große Hohlräume leicht und ohne größere Sicherungen herstellen lassen. Außerdem verhält sich Steinsalz unter hohem Druck eher plastisch, sodass die Gefahr der Rissbildung gering ist – das Gestein ist dann praktisch wasserdicht. So wie viele Tongesteine auch. Sie können sich ebenfalls plastisch verformen, aufgrund ihrer mineralischen Zusammensetzung binden Tonminerale zudem Schadstoffe, auch Radionuklide. Kristalline Gesteine wie Granit hingegen sind fest, hart und sehr stabil, weshalb aber auch die Bildung von Klüften wahrscheinlicher ist. Das weltweit erste, fast fertiggestellte Endlager für hoch radioaktive Abfälle auf der finnischen Ostseeinsel Olkiluoto wurde übrigens in einem dem Granit ähnlichen Gestein angelegt.