Als Reviersteiger Jens Klare nach einem Jahr Betriebsführungslehrgang im Juli 2020 wiederkam, erkannte er sein Bergwerk kaum wieder. Dort, wo früher die 532-Meter-Ebene der Schachtanlage Asse II gewesen war, stand er jetzt vor einer geschlossenen Mauer. Und auch die Abbaubegleitstrecke auf 595 Metern würde bald Geschichte sein. Dafür hatten sich jetzt die neuen Bohrmaschinen etabliert, bei denen man Vorschub, Drehzahl und Gegenhaltedruck über Touchscreens regelt. Klare merkte, dass die Zukunft eingekehrt war. Dass es voranging. „Aber es war auch ein komisches Gefühl. Man arbeitet dafür, dass die eigene Grube kleiner wird".
Klare ist um fünf Uhr mit der Frühschicht im Förderkorb eingefahren und steht jetzt in voller Bergmannsmontur 511 Meter unter der Erde. Die Kostenstelle seiner Abteilung hat er sich aufs Knie geschrieben, für alle Fälle, weil er sie noch nicht auswendig kann. Außerdem muss er sich noch durch die neue SAP-Software durchkämpfen, mit der Bestellungen oder die Zahlung von Rechnungen abgewickelt wird. Den jüngeren Kollegen fällt das leichter. Weil sie umgestellt haben, muss auch Klare sich umstellen. Aber es gibt auch Dinge, die bleiben: Durch das Fenster seines Untertagebüros blickt er auf ein kleines Orangenbäumchen, eine Kochnische und die Vereinsfahne vom VfL Wolfsburg in doppelter Ausführung. „Dann wollen wir mal“, sagt Klare und startet seine Runde.
In der Bohrwerkstatt ist gerade die riesige Korfmannsäge zur Reparatur aufgebockt, mit der man sich bis zu zwei Meter tief selbst in härtestes Gestein hineinsägen kann. Auf der 700-Meter-Ebene für die Erkundung von Schacht 5, über den ab 2033 die Bergung der Fässer mit radioaktiven Abfällen erfolgen soll, haben sie damit die Bohrkeller erstellt. Erst die Kontur ins Steinsalz geschnitten und dann Entlastungsschnitte reingesägt – bis sie ein schönes Schachbrettmuster hatten. Die dabei entstandenen vier Tonnen schweren Gesteinsblöcke wurden mit Druckluft herausgebrochen. Am Anfang hat die Säge Späne gezogen und die Kette wurde durch einige harte Schläge erschüttert, die sie sich zunächst nicht erklären konnten. Bis sie feststellten, dass sie ein uraltes Standrohr angesägt hatten, das auf einem alten Risswerk – also einem Untertagelageplan - lediglich mit einem Fragezeichen angegeben war. Standrohre dienen dazu, eine Bohrung zu stabilisieren. Welchen Zweck das alte Rohr hatte, ist heute nicht mehr nachvollziehbar.