Anne Eckhardt arbeitete als junge Mitarbeiterin in einem Zürcher Ingenieurbüro, als sie die Chance erhielt, für die Kommission für die Sicherheit von Kernanlagen in der Schweiz zu kandidieren. Ein Thema, zu dem sie bis dahin keinen direkten Bezug hatte. Ihre Familie, ihre Freund*innen, ihr ganzes Umfeld standen der Kernenergie eher kritisch gegenüber. Die Aussicht, in der Kommission mitzuarbeiten, bereitete Eckhardt also zunächst einmal schlaflose Nächte. Doch dann merkte sie, wie sehr das Thema mit seinen technischen und gesellschaftlichen Dimensionen sie faszinierte. Sie sagte zu – und war nach ihrer Wahl in der Kommission die erste und zu Beginn einzige Frau unter zwölf Männern.
Heute ist die gebürtige Saarländerin auch in Deutschland als Expertin gefragt. Unter anderem beriet sie das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag. Der Umgang mit Ungewissheiten gehört für die ruhig abwägende Naturwissenschaftlerin zum Berufsalltag. Was es braucht, um gut mit diesen Ungewissheiten zurechtzukommen? Für Eckhardt sind es vor allem Fachwissen und Erfahrung. Doch eines stellt sie klar: Auch der erfahrenste Ingenieur oder die beste Geologin kann keine absolute Sicherheit bei der Entsorgung radioaktiver Abfälle garantieren. Die gäbe es nur, wenn alle Informationen, alle zukünftigen Randbedingungen hundertprozentig bekannt wären. Nur dann könnten Entscheidungen „unter Sicherheit“ getroffen werden, wie es in der Entscheidungstheorie heißt. Doch das ist in aller Regel ein rein theoretischer Fall für die Mathematik. Die Betrachtung der Langzeitsicherheit eines Endlagers steht in der Praxis unter einem ganz anderen Stern.
Da gibt es Ungewissheiten – und das bedeutet: Wir haben nicht genügend Informationen, um die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Entwicklung zu benennen, eines Ereignisses, von dem aus heutiger Sicht womöglich noch niemand ahnt. Bei der Langzeitsicherheit der Endlager für radioaktive Abfälle geht es um Zeiträume, die für uns Menschen schlichtweg unvorstellbar sind.
Langfristige Prognosen treffen
Für Geolog*innen ist der Umgang mit solch gewaltigen Zeitspannen dagegen alltägliches Geschäft – jedenfalls, wenn es um die vergangenen Zeitalter geht. In ihren Maßstäben ist eine Zeitspanne von einer Million Jahre ein „Wimpernschlag“. Geolog*innen erforschen Prozesse in der Erdkruste, die sich über Hunderte von Millionen Jahren oder länger erstrecken. Und sie können Prognosen mithilfe von Modellen und Simulationen für die Zukunft treffen. „Bei einem Wirtsgestein, das über viele Millionen Jahre stabil ist, kann eine Prognose über eine Million Jahre durchaus verlässlich sein“, erklärt Anne Eckhardt. Weniger langfristig funktionieren Prognosen bei Bauwerken. Zu ihnen zählen zum Beispiel die Abdichtbauwerke, mit denen das ehemalige Salzbergwerk in Morsleben verschlossen werden sollen. Natürlich sind die Werkstoffe heute mit denen aus der Antike nicht vergleichbar, doch ob Beton, Asphalt oder Stahlbehälter – bei diesen technischen Barrieren lässt sich die Zukunft bestenfalls einige Tausend Jahre abschätzen.
Wenn es um Menschen geht, sind deren Handlungen kaum oder gar nicht vorhersehbar. Sie könnten in ferner Zukunft unbeabsichtigt in Endlager eindringen, zum Beispiel bei der Erschließung neuartiger Erdwärmequellen. Sie könnten die Endlager aber auch absichtlich öffnen oder beschädigen. Die Ungewissheit ist groß: Niemand kann ahnen, wie Menschen in Hunderten oder Tausenden von Jahren mit einem Endlager wie Morsleben umgehen werden. Selbst ob es dann überhaupt noch Menschen gibt, ist ungewiss.
Doch die Ungewissheit sei eben auch keine Entschuldigung fürs Nichtstun, meint Anne Eckhardt. Selbst wenn im Endlager Morsleben „nur“ schwach-und mittelradioaktive Abfälle lagern, muss der Müll in dem einstigen Salzbergwerk mindestens 100 000 Jahre sicher aufbewahrt werden. Mensch und Umwelt müssen trotz aller Ungewissheit dauerhaft geschützt sein. So gut es machbar ist.
Für den Umgang mit den Ungewissheiten gibt es eine international anerkannte, transparente Vorgehensweise: Sie werden zunächst identifiziert, dann beschrieben und anschließend beurteilt. Schließlich legen die Fachleute fest, wie mit Ungewissheiten, die sich nicht beseitigen lassen, umgegangen wird. So schaffen sie eine Entscheidungsgrundlage für Politik und Verwaltung.