So misst man hier alles, was man sich ausmalen kann. „Thermisch, hydraulisch, mechanisch, chemisch und biologisch“, sagt Jaeggi, „das sind die Einflussgrößen, die wir im Blick haben.“ Die Untersuchungen zur Mikrobiologie mögen im ersten Moment überraschen, aber auch dieses Thema spielt unter Tage eine wichtige Rolle. Mikroben können die Korrosion metallischer Behälterwerkstoffe beschleunigen oder sogar erst ermöglichen. Dadurch kann die korrosionsbedingte Gasproduktion erhöht werden. Gleichzeitig können sie Gase, welche bei der anaeroben Korrosion von Stahl entstehen, abbauen oder umwandeln, wie sich in mehreren Experimenten in Mont Terri zeigte. All das muss man vorher wissen1.
Wichtig sind auch Messungen der Diffusion. Der Opalinuston, der hier zu 40 bis 80 Prozent aus Tonmineralen besteht, habe eine extrem geringe hydraulische Durchlässigkeit, erklärt Jaeggi. Wasser kommt hier in einer Million Jahren nur wenige Meter im Gestein voran.
Ob diese Geschwindigkeit auch für das Eindringen von Schadstoffen gilt, speziell von Radionukliden? Das ist wichtig zu wissen, weil es am Ende das Gestein sein wird, das die Stoffe zurückhalten muss. Die Behälter, so die Kalkulationen, können nach 10 000 Jahren durchgerostet sein. Dann muss das natürliche Gestein allein die Funktion als Barriere übernehmen.
Über die Ausbreitung strahlender Stoffe im Gestein soll ein Versuch aufklären, der noch bevorsteht. Ein definierter Cocktail aus radioaktiven Substanzen wird dabei in ein Bohrloch eingebracht, später wird das umgebende Gestein herausgeschnitten und im Strahlenlabor untersucht. Dann wird sich zeigen, welche Nuklide mit welcher Geschwindigkeit in das Wirtsgestein eingedrungen sind, wie gut sie also von den Tonmineralen zurückgehalten wurden. „Auch bei diesem Experiment dürfen keine strahlenden Stoffe im Untergrund verbleiben“, erklärt der Projektleiter. In den Gängen des Mont Terri ist das stets die Auflage. Alles muss sauber zurückbleiben.
In diesem Herbst gibt die Schweiz ihre Standortregion für ein Tiefenlager bekannt. Dort wird man dann erneut ein Felslabor einrichten. Man wird prüfen, ob der Opalinuston sich an dem ausgewählten Ort genauso verhält wie der Opalinuston am Mont Terri. Natur ist schließlich nicht immer homogen und muss daher stets aufs Neue begutachtet werden.
Etwa im Jahr 2029 oder 2030 könne es in der Schweiz ein Referendum zum Standort geben, sagt Jaeggi. Der Forscher weiß um die Verantwortung der Wissenschaft, auch in der dann wohl bevorstehenden politischen Debatte. Denn nur das Vertrauen der Bürger*innen darauf, dass wirklich alles erforscht wurde, was in diesem herausfordernden Kontext notwendig ist, wird die nötige Akzeptanz schaffen – und so der Schweiz den Weg zu einem Endlager ebnen können. Und das wird in Deutschland nicht anders sein.
1Dieser Absatz wurde nach Druckschluss aktualisiert und weicht daher inhaltlich von der Printausgabe ab.