Einblicke: Frau Graffunder, Sie haben als eine von zwei Chefinnen zum 1. Januar ihren neuen Job bei der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) angetreten und sind unter anderem für die Atomlager Asse und Schacht Konrad zuständig. Was bringen Sie mit für diesen Job?
Iris Graffunder: Ich bringe 30 Jahre Erfahrung im Rückbau von Nuklearanlagen und in der Entsorgung von radioaktiven Abfällen mit. Wenn ich etwas wirklich kann und darüber viel weiß, dann ist es der Umgang mit radioaktiven Stoffen.
Einblicke: Sie sind auch zuständig für die Suche nach einem Lager für hochradioaktiven Abfall, für das einst Gorleben vorgesehen war. Ein Thema, das immer wieder die Gemüter erhitzt. Wieviel Optimismus braucht man für solch einen Job?
Iris Graffunder: Eine Menge. Und ich bringe davon eine große Menge mit. Wenn man nicht optimistisch ist, könnte man es in unserer Branche gar nicht aushalten. Denn man hat mit sehr langen Zeiträumen und vielfach mit Protesten zu tun. Wenn man nicht generell eine optimistische Grundhaltung hat, kommt man in diesem Job nicht weiter.
Einblicke: Braucht man als Entsorgungsmanagerin für atomare Stoffe in einem Land wie Deutschland, in dem die Kernenergie hochumstritten ist, so etwas wie Gottvertrauen?
Iris Graffunder: (Überlegt). Es schadet generell nie, Gottvertrauen zu haben. Demut vor der großen Aufgabe der Entsorgung hilft auch gewiss. Man sollte nicht glauben alles zu wissen und zu kennen, deshalb muss ich mich nach und nach mit den Abläufen hier vertraut machen. Aber ich vertraue wesentlich auf Kenntnisse der Physik und des Strahlenschutzes, die ich als Diplomingenieurin erlangt habe.
Einblicke: Wie sind Sie darauf gekommen, ausgerechnet Strahlenschutz zu studieren?
Iris Graffunder: Ich habe mich schon immer für Naturwissenschaften interessiert und als Leistungskurse an der Schule Mathe und Chemie gehabt. Deshalb habe ich Naturwissenschaften studieren wollen. Weil ich aber aus einem Arbeiterhaushalt komme und meine Eltern nicht das Geld für ein Vollstudium aufbringen konnten, habe ich überlegt, wie ich mein Studium finanzieren könnte und kam auf die Berufsakademie. Dort gibt es soziale, betriebswirtschaftliche und technische Bereiche. Bei den technischen Bereichen war so viel Spannendes dabei, dass ich mich 1986 dafür entschieden habe, Strahlenschutz an der Berufsakademie Karlsruhe zu studieren. 1986 war allerdings das Jahr, in dem der sowjetische Atomreaktor Tschernobyl in der heutigen Ukraine explodierte. Meine Mitabiturient*innen haben mich damals beschimpft – wie kannst Du Dich ausgerechnet jetzt mit Atomkraft und Strahlung befassen? Aber ich habe mir damals gedacht, jetzt erst recht. Wenn man es mit Risiken zu tun hat, muss man die Risiken auch kennen. Ich habe es nie bereut, Strahlenschutz studiert zu haben.