Einblicke: Frau Graffunder, warum haben Sie sich damals für diese Fachrichtung entschieden?
Iris Graffunder: Ich hatte bereits in der Schule eine Leidenschaft für Naturwissenschaften. Meine Leistungskurse waren Mathematik und Chemie. Ich habe etwas gesucht, bei dem ich meine Interessen und meine Stärken zusammenbringen und gleichzeitig schon Geld verdienen konnte. Da bin ich auf das duale Strahlenschutzstudium gestoßen. Diese Fachrichtung ist sehr vielseitig. Im Studium hatten wir Medizin-, Physik-, Radiochemie sowie Lüftungs-, Elektro- und Kerntechnikvorlesungen, aber auch viel Atomrecht.
Einblicke: Kurz bevor Sie 1986 Ihr Studium begannen, war im selben Jahr die Tschernobyl-Katastrophe. Hat das Ihre Sicht auf das Thema beeinflusst?
Iris Graffunder: In Deutschland gab es mehr und mehr Atomkraftgegner*innen. Auch in meinem Umfeld haben einige meine Studienwahl nicht verstanden und kritisiert. Ich fühlte mich in meiner Entscheidung dadurch eher noch bestärkt. Ich wollte die Situation selbst einschätzen können. Mir war es wichtig zu verstehen, was dort eigentlich passiert war. Im Kontext von Radioaktivität wird oftmals Angst geschürt und dabei außen vorgelassen, dass alles in der Natur strahlt – selbst wir Menschen.
Einblicke: Wie ging es nach Ihrem Studium weiter?
Iris Graffunder: Ich habe ein duales Studium absolviert und hatte dadurch direkt einen Anschlussvertrag mit dem Kernforschungszentrum in Karlsruhe. Ich habe die ersten drei Jahre im administrativen Strahlenschutz in der Abteilung Arbeitsschutz und Sicherheit gearbeitet. Dort habe ich z. B. Bestellungen von Strahlenschutzbeauftragten durchgeführt, die neue Röntgenverordnung in das betriebliche Regelwerk des Forschungszentrums eingearbeitet und Sicherheitsbegehungen zusammen mit Behörden organisiert und durchgeführt. Während dieser Zeit habe ich verschiedene Bereiche des Kernforschungszentrums kennengelernt. Ich habe dann eine Gruppenleitung bei den Abfallbetrieben (Hauptabteilung Dekontaminationsbetriebe) angeboten bekommen. Seitdem bin ich der Sparte radioaktive Abfälle und nuklearer Rückbau treu geblieben.
Einblicke: Im Januar 2024 sind Sie dann über mehrere Stationen zur BGE gelangt. Wie wichtig und präsent ist das Thema Strahlenschutz für die Endlagerung insgesamt?
Iris Graffunder: Ich finde das Thema sehr wichtig. Vor allem die Frage: Wie gehen wir mit Strahlung um? Im Gegensatz zu anderen Gefahrenquellen, die wir ebenfalls nicht riechen, sehen oder schmecken können, können wir Radioaktivität messen. Das ist ein entscheidender Vorteil. Wir können zu jeder Zeit die tatsächliche Belastung erfassen und entsprechend agieren. Ich sehe darin auch eine Chance, für mehr Akzeptanz in der Bevölkerung zu sorgen.
Einblicke: Die BGE hat gleich drei Standorte mit unterschiedlichen Ausgangslagen. In Morsleben sind radioaktive Abfälle eingelagert und das Bergwerk wird verschlossen. In der Asse lagern Fässer, die wieder rückgeholt werden sollen, und Konrad wird für die Einlagerung vorbereitet. Wie ist der
Strahlenschutz bei der BGE aufgestellt?
Iris Graffunder: Unser Kerngeschäft ist die Entsorgung von radioaktiven Abfällen. Wir tragen die Verantwortung, Mensch und Umwelt vor der Strahlung zu schützen. Für den Strahlenschutz ist es zunächst irrelevant, über welche Anlage wir sprechen. Im Umgang mit Strahlung gelten grundsätzlich immer drei der A‘s: Abschirmung, Abstand und Aufenthaltszeit. Bei Konrad steht im Moment die Strahlenschutzplanung im Vordergrund. Dazu wird u. a. das Betriebshandbuch erarbeitet und die genehmigungskonforme Auslegung aller Strahlenschutzsysteme geplant. Erst wenn die Abfallgebinde für die Einlagerung angeliefert werden, wird dort auch der operative Strahlenschutz wichtig.
Einblicke: Wie funktioniert operativer Strahlenschutz?
Iris Graffunder: Der Strahlenschutz begleitet im Grunde alle Tätigkeiten, die mit radioaktiven Stoffen zu tun haben. Bei der Annahme der Abfallgebinde werden an jedem Gebinde Dosisleistung und Kontamination überprüft und mit den Angaben auf den Begleitpapieren verglichen. Außerdem gehört es zur Aufgabe des Strahlenschutzes, alle Oberflächen in den Kontrollbereichen auf Kontaminationsfreiheit zu überprüfen. Dies erfolgt mittels Wischtests und Direktmessungen. Auch die Auswertung der Filter für die Raumluft- und Fortluftüberwachung sowie die Umgebungsüberwachung gehört zu den Strahlenschutzaufgaben. Zur Strahlenschutzüberwachung des Personals gehört neben der Vergabe der Personendosimeter und der Durchführung der regelmäßigen Strahlenschutzbelehrungen auch die Festlegung der persönlichen Schutzausrüstung.Sicherlich werden viele Menschen Ängste und Sorgen haben, wenn die Gebinde über die Straße oder die Schiene angeliefert werden.
Einblicke: Gibt es dafür Gründe?
Iris Graffunder: Aus Strahlenschutzsicht nicht. Leider wissen die meisten Menschen allgemein zu wenig über Radioaktivität. Bei einer Röntgenaufnahme in der Medizin bekommt man mehr Strahlung ab, als wenn z. B. ein Zug mit radioaktiven Abfällen an einem vorbeifährt. Ich würde es begrüßen, wenn Energieformen und deren Auswirkungen auf Mensch und Umwelt fester Bestandteil der Lehrpläne an Schulen wären. Dann könnten die Menschen die Wirkung von Strahlung für sich selbst besser einschätzen und wären wahrscheinlich weniger besorgt, wenn es um das Thema Endlagerung geht.
Einblicke: Sehen Sie Wissensvermittlung auch als Aufgabe der BGE an?
Iris Graffunder: Auf jeden Fall. Insbesondere im Hinblick auf die Standortsuche für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle müssen wir 2027 in den ausgewählten Standortregionen präsent sein und viel Aufklärungsarbeit leisten. Ich habe Verständnis dafür, dass nicht alle begeistert sind, wenn ihre Region ausgewählt werden sollte. Es ist mir aber sehr wichtig, dass die Menschen Endlagerung besser verstehen und dass es keinen Grund gibt, Angst davor zu haben. Natürlich ist so ein großes Bauprojekt ein Eingriff in die Natur. Aber aus Strahlenschutzgründen ist die Lagerung von radioaktiven Abfällen in tiefen geologischen Schichten einfach die beste und sicherste Lösung. Die BGE hat die Expertise und wird die Endlagerung sicher umsetzen.